Eine Weihnachtserinnerung von Truman Capote

mit Alexander Netschájew (Sprecher) und Antje Uhle am Piano

EINE WEIHNACHTSERINNERUNG ist eine witzig-liebevolle Rückschau Capotes auf ein kurzes Kapitel seiner Kindheit. Die Jahre, bevor er in die raue Realität einer Militärschule gesteckt wurde, sind geprägt von Mittellosigkeit, Bürgerlichkeit und Ritualisierung (in diesem Falle des Weihnachtsfestes). Doch genau darin findet er ungeheuren Reichtum Reichtum an Fantasie, an Liebe zum Detail, an Fröhlichkeit und Lebensbejahung. So reiht sich Episode an Episode: vom verbissenen Fabrizieren des Früchtekuchens, von der Suche nach dem einzig richtigen Weihnachtsbaum und dem Basteln des alljährlich gleichen Weihnachtsgeschenkes. Eingebettet in dieser kleinen Welt, wird dem Autor die Nähe des Paradieses erst bewusst, als er es verliert.

Mit witzig-sentimentalem Jazzpiano:
Standards, Spirituals, Hymns.



Wehmut über verlorene Unschuld
Alexander Netschájew liest Truman Capote

Gauting Warum diese Geschichte? Es gibt viele Weihnachtserinnerungen, die fröhlich und zugleich ein wenig traurig stimmen. Doch Truman Capotes "Weihnachtserinnerung" schafft es wie kaum sonst eine Kurzgeschichte, dass es einem warm wird ums Herz. So ging es fast allen, die am Samstagabend im TheaterSpielRaum Alexander Netschájew und Antje Uhle zuhörten. Wie Uhle mit Christmas-Songs am Flügel die Zeit der finanziellen Entbehrung und kindlichen Unbeschwertheit entstehen ließ, wie Netschájew den kleinen Buddy lebendig werden ließ, der wie jedes Jahr mit seiner Base Früchtekuchen für Präsident Roosevelt und den freundlichen Schulbusfahrer buk.

Die Fäden in der Hand

"Es ist Früchtekuchenwetter", rief die von den Verwandten im Haus beim Gnadenbrot geduldete Alte aus, wenn sie den Spätnovemberhimmel am Morgen entdeckte. Dieses "Früchtekuchenwetter" wurde zum Synonym für jene unbeschreibliche Stimmung, wie sie nur Kinder und Alte und andere Geduldete empfinden, denen eine wie auch immer fest gelegte Zurechnungsfähigkeit abgesprochen wurde, und die nun, aller gemeinen Sorgen ledig, sich um die wahrhaft wichtigen Dinge kümmern. Doch die "Alles-Bestimmer" zerstören das Paradies, schicken den Jungen auf eine Militärschule und lassen die Alte verkümmern, bis sie vergeht wie die Stechpalmengirlande, mit der sie Jahr für Jahr vor Weihnachten die Fenster des alten Hauses schmückte. Capote, der amerikanische Erzähler von "Frühstück bei Tiffany" oder "Die Grasharfe", trifft in dieser autobiografisch gefärbten Kindheitsgeschichte genau den Ton, der jenseits von Sentimentalität doch nichts als Wehmut wachruft Wehmut angesichts verlorener Unschuld.
Netschájew gestaltet diese berühmte Erzählung so plastisch und akzentreich, wie sie es erlaubt. Er nimmt den Siebenjährigen bei der Hand, erlebt mit ihm die verrückte Freude beim Sammeln, Backen und Leben mit der alten Cousine, erleidet mit ihm die Schmerzen, die von außen den beiden zugefügt werden. Dabei gerät er, bei allem Temperament, nie ins Outrieren, sondern hält stets die Fäden souverän in der Hand. Als Dialogpartner steht ihm Antje Uhle zur Seite, die über "White Christmas" oder "We wish you a merry Christmas" so wunderbar schwebend improvisiert, wie sich Erinnerungen eben einstellen.
Der "Weihnachtserinnerung" voran ging die berühmte Erzählung "Das Geschenk der Weisen" und ein Briefwechsel zwischen einem kleinen Mädchen und einem Redakteur der Sun über die Frage, ob es einen Weihnachtsmann gibt. Zwei kleine Tonengelchen leuchteteten im Hintergrund von einem leeren Notenpult herab, ein weiterer Engel hockte, den Kopf in den Händen, am Rand des aufgeklappten Flügels, und man wird nach diesem Abend die Frage nach dem wahren Schenker mit einem lächelnden Ja beantworten müssen.

Sabine Zaplin
(Starnberger SZ Nr. 278)

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